Ein Zimmer für mich allein
Wenn Sie schon Gelegenheit hatten … Werke von Christine Falk genauer zu betrachten, dann werden Ihnen sicher „wieder erkennbare Raumfragmente“ aufgefallen sein. Zwar sind alle Bilder aus strengen horizontalen und vertikalen Flächen gebaut, aber sie verneinen keineswegs ihren architektonischen Bezug. Aus den Farbflächen schälen sich bei längerem Hinsehen Haus- oder Zimmerfragmente, Vorhöfe, Fenster und Türen, Landschaftsformationen und Durchblicke heraus. Christine Falk lässt eine ganze räumliche Welt aus Vertikalen und Horizontalen entstehen. Ihr Ziel ist es, irgendwo in der Welt vorgefundene „Atmosphären“ einzufangen und diese als sinnliche Farbräume wiederzugeben. Hierbei leiten sie bisweilen nur ganz bestimmte Details, aber solche, die das Potential haben, neue Welten entstehen zu lassen. Vordergründig ist das zunächst dem ähnlich, was wir alle machen, wenn wir reisen: Uns fällt etwas Besonderes ins Auge und das halten wir fest, indem wir es fotografieren. Ebenso geht Christine Falk vor, die seit den neunziger Jahren in der ganzen Welt unterwegs ist und davon ebenfalls Fotografien mitbringt, die für sie den Status von Tagebuchnotizen haben. Sie begnügt sich jedoch nicht damit, diese einfach zu Fotobüchern zusammenzusetzen, sondern die Fotografien, in denen sie bisweilen nur ein winziges Detail interessiert, dienen ihr als Ausgangspunkt für bestimmte Räume, die sie dann „händisch“ – also nicht projiziert – auf dieLeinwand überträgt und mit zahlreichen Farbschichten zu einem harmonischen Farbklang umarbeitet. Hierbei versteht sie sich als eine Farbforscherin, deren Ziel es ist, die Sinnlichkeit bestimmter Frequenzen herauszuarbeiten. Dabei gilt es, einen Spagat zu wagen zwischen dem exotischen Licht oder den fremdartigen Gebäuden und Farbkombinationen und dem Gefühl für Licht und Farbe, mit dem sie selbst in Berlin und Umgebung kulturell geprägt wurde. Um diesen Spagat zu verstehen, möchte ich Ihnen eine Anekdote vom vietnamesischen Blumenverkäufer erzählen: Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal über die für unsere Augen exotischen Zusammenstellungen von Farben und Pflanzen gewundert. Sieht man sich diese Farben hingegen im Land selbst an, wirkt es kein bisschen ungewöhnlich, denn das Licht dort erfordert einfach andere Farbkombinationen. Wenn Sie das Bild Flughafen Tegel IV von 2015 betrachten, dann sehen Sie nicht nur kühles Licht, das sich in den seriell angeordneten Fensterbändern spiegelt, sondern sie merken auch sofort, dass der Raumeindruck, der zunächst durch die hineinragende Kante eine Tiefe suggeriert, durch die homogene Farbstimmung und die eingesetzten feinen blauen Linien sofort wieder ins Flächige changiert. Ohne den Titel müsste man nicht zwingend einen konkreten Ort erkennen. …. Wenn ich nun ihre Arbeit in ein kunsthistorisches Bezugssystem bringe, dann spielt wiederum der Raum die entscheidende Rolle. Um Christine Falk zu zitieren: „Von Anfang an habe ich gerne Häuser gemalt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich immer einen Rückzugsort‚ ein Zimmer für mich allein’ brauche.“ Mit dem Interesse an Raumkonstellationen und Lichtführung im Raum steht sie in der Kunstgeschichte keineswegs allein da: Bereits Adolf Menzel hatte in seinen Arbeiten für den preußischen Hof, seinem berühmten Flötenkonzert in Sanssouci oder später im Eisenwalzwerk vor allem Interesse an Licht- und Raumkompositionen, also an den abstrakten Komponenten, die den Bildgeschichten dann die besondere Magie verliehen haben. Als ihren malerischen Ausgangspunkt benennt Christine Falk August Mackes Tunisreise und zwar ob der besonderen Lichtsituation, die zu einer flirrenden Farbigkeit und bisweilen aufgelösten, flächigen Räumlichkeit führt. Vielleicht haben einige von Ihnen die Ausstellung von Piet Mondrian im Gropiusbau im vergangenen Jahr gesehen. Hier konnte man sehr gut die Vertikalen und Horizontalen sehen, die der junge Mondrian bereits in seinen frühen Landschaften deutlich betont hat. Von Mondrian stammt die Forderung, „ dass das Werk plastisch zum Ausdruck bringen muss, wie die Kräfte aufeinander wirken.“ Eben dies zeigen die Werke von Christine Falk. Sehr schön lässt es sich an den kleinen Kabinettstückchen sehen. Diese Arbeiten aus dem letzten Jahr kann man als „architekturbasierte optische Sensationen“ bezeichnen. Christine Falk beschreibt sie als Bilder, die dem Auge Kontemplation anbieten und so in einer bildüberfluteten Welt Halt zu bieten vermögen. Sie sind so gebaut, dass man in ihnen ein Deja-vu zu erkennen vermag. Vielleicht ermöglichen sie sogar, eine „mémoire involontaire“, eine unfreiwillige Erinnerung, mit der plötzlich eine ganze Welt vor unserem geistigen Auge aufzutauchen vermag, wie bei Marcel Proust die berühmte in Tee getauchte Madeleine es als Auslöser für die Erinnerung seiner Kindheit in Combray vermochte.
Dr. Marion Thiele-Beim, Auszug aus der Rede zur Ausstellung in der rk-Galerie Berlin, 2016

Auch Abstraktion lebt aus dem Lebendigen
… Christine Falk ist eine Meisterin der ausgewogenen Form und eine Zauberin auf der Palette. Das sind ihre Mittel, mehr benötigt sie nicht. …Christine Falk baut ihre Bilder auf aus geometrischen Flächen, zieht klare Linien über die Leinwand, nahezu ausschließlich in Senkrechten und Waagerechten. Wo das stringente System minimal variiert wird, entsteht so etwas wie Raumbezug: dünne Gitter suggerieren Fensterkreuze, leichte Schrägen öffnen sich der dritten Dimension. Somit entsteht so ein Raumgefüge – und längst hat der Betrachter erkannt, dass es sich um Häuser in Detailansichten, Flachdächer, Ausschnitte von Stadtansichten, Interieurs handelt. Die Konstruktion geht so weit, dass sich der Flächen-Farb-Teppich zum ornamentalen Klangspiel verdichtet. Die Irritation lässt sich aber selbst da noch inhaltlich füllen, geht es in den hier gezeigten Bildern doch um Eindrücke von asiatischen Reisen, die uns womöglich auch ›in echt‹ fremd vorkommen. Diese Distanz und zugleich die ästhetische Faszination machen die Balance aus, die in den Bildern vorherrscht. Auch das Licht ist so gesetzt, dass es als eigenes Bildelement ins Bildganze einfließt. Einen Kuschelkurs fährt Christine Falk jedoch nicht, bei aller Ausgewogenheit entsteht eine große Spannung zwischen dem großen, konkurrierenden Formenrepertoire; Disharmonien sind nicht zu vermeiden, Kontraste insbesondere in der Farbgebung drängen sich auf. Für ihre malerische Transkription »visueller Fundstücke« (nach den Worten der Künstlerin) in die Fläche, die vom Titel klar beim Namen genannt sind, schafft Christine Falk wunderbare Bildräume, zuweilen scharf fokussiert wie Fotografien. Ich denke, dass die Wahrnehmung dessen, was dem Titel nach dargestellt wird, jene konkreten Orte, notwendig ist, um die inhaltlich-gegenständliche Vorgabe zu haben, welche dann formal-ästhetisch umgewandelt wird: mehr Utopie, also Nicht-Ort oder Leerstelle, als Fiktion – schließlich wird hier nicht versucht, die Illusion des genannten Orts vorzutäuschen. Die Leere der Bildmotive kommt zumal ins Spiel, sobald man gewahr wird, dass keine Menschen die Straßen bevölkern – eine fast meditative Stille fernab jeglicher Markt- oder Gassenschreierei ist der Eindruck, der übrigbleibt: ein schönes Gefühl.….
Dr. G Baumann, Auszug aus der Rede zur Ausstellung im Kunstverein Radolfzell, 2013

Zu meinen Bildern
Meine Bilder sind die Summe der Erfahrung zahlreicher Reisen. Reisen heisst für mich Bewegung, Begegnung, beinhaltet Neugier, den Wunsch nach Annäherung und das Staunen. Die Begegnung mit dem Fremden ist faszinierend, zuweil auch verstörend, das Erfassen der Realitäten innerhalb einer anderen, ungewohnten Kultur nur durch langsame Annäherung möglich. Es weckt alle meine Sinne und erfrischt den Geist. Die Vielfalt der lokalen kulturellen Ausprägung, Schönheit und negative Aspekte, Begegnungen mit Menschen, Freude, Überraschungen, Verunsicherungen führten zu einer Neuordnung kulturell angelegter Denkmuster. Das stellt  den auf die eigene Kultur bezogene Gedankenkosmos in Frage und läßt bei mir den Wunsch nach dem Erhalt der Vielfalt und einer Welt der gleichberechtigten Begegnung der Kulturen entstehen. Meine Arbeiten sind Statement für den Erhalt der Schönheit, des immateriellen Reichtums, der überwältigenden Vielfalt der Welt, der den Betrachter begeistert und zeitweise ratlos zurücklässt. Ich vertraue auf die  internationale Sprache der Kunst, suche nach dem Wesen, der Essenz der von mir entdeckten realen Ausdrucksform einer von Menschen gestalteten Welt. Ziel ist, nicht das vordergründig Gesehene abzubilden, sondern durch Abstraktion, Vereinfachung und Reduzierung zu einer ruhigen, klaren, kontemplativ anmutenden Form zu gelangen.
Christine Falk, 2013

Auf die Fährte gebracht
Christine Falk führt uns mit Ihren Arbeiten auf die Grundstrukturen unserer Welt zurück, auf die wir tagtäglich schauen und dabei oft gar nicht bemerken. Denn meist vermag unser rastlos umher eilender Geist nur ein unüberschaubares Spektakel von Emotionen und Bedeutungen zu erkennen. Christine Falks Bilder lassen mich zur Ruhe kommen, sie erden mich angenehm auf dem Grund dessen was wirklich ist. Ihre Bilder laden dazu ein, den Dingen rund um uns herum in einfacher Betrachtung auf den Grund zu gehen. Mit untrüglichem Blick für das Wesentliche setzt sie in ihren klaren Bildkompositionen quasi als Pointen gezielt konkrete Requisiten, die wie schwerelos in der zur Abstraktion reduzierten realen Bildsituation zu schweben scheinen, dank der unser Auge, durch sie auf die »Fährte« gebracht, zu suchen beginnt. Dies schafft einen Spannungsbogen zwischen Schein und Sein, der die Betrachtung ihrer Bilder zu einer unermüdlichen Sinnenfreude macht und uns, ganz nebenbei anregt darüber zu meditieren was eigentlich Schein und was Sein ist, in den Bildern, und in dem, was in jedem Moment vor unserm Auge und vor unserem Geist sich zeigt.
Christian Peters, 2011

Rechtecke und Quadrate
Rechtecke und Quadrate, Streifenformen und gitterartige Strukturen, Linien und monochrome Farbflächen dominieren in der Malerei von Christine Falk. Gleichwohl liegen der Berliner Künstlerin theoretische Diskurse um die Konkrete Kunst ebenso fern wie metaphysische Begründungen von Gegenstandslosigkeit. Keines ihrer Bilder bleibt denn auch im Gegenstandslosen verhaftet. Erkennbar hingegen werden Häuser, Fenster, Dächer, Zäune, Stühle, Bootsstege, Wiesen und vielfältige Allusionen an Stadt- und Landschaftsräume in geometrischer Abstraktion. Selten allerdings zeigen ihre Bilder Figuren, und nie verliert sich Christine Falk im Narrativen; sie konzentriert sich vielmehr auf eine streng formale Reduktion. Für Christine Falk ist die Konstruiertheit der Welt eine entscheidende Voraussetzung, die sie weder in Frage stellt, noch zu entlarven sucht. Diese Konstruiertheit spiegelt sich für sie formal in geometrischen Grundkonstanten: in der Horizontalen wie der Vertikalen, die bisweilen von Diagonalen bzw. Schrägen durchbrochen werden. Als formaler Filter, gleichsam wie eine Brille, legen sich diese geometrischen Konstanten auf ihren Blick. Bei zahlreichen Reisen fotografiert Christine Falk Orte, die für sie eine atmosphärische Ausstrahlung haben, die sie erstaunen, ihr fremd sind und ihre Neugier wecken. Bereits in vielen ihrer Fotografien wird ein geometrisch orientierter Blick deutlich, wenn Christine Falk ihr Interesse beispielsweise auf ineinander geschachtelte Häuser in Tibet konzentriert oder die Rasterung einer Fassade im thailändischen Ratchaburi fokussiert. Deutlich wird im Rahmen dieser Reduktion ein ausgeprägtes Interesse an Licht und Farbigkeit, wie sie in Europa nicht anzutreffen sind. Zurück in Berlin setzt Christine Falk ihre Reiseeindrücke malerisch um. Sie legt die Fotografien zugrunde, wählt aus und verändert die Ausschnitte. Bei einer nochmaligen Reduktion der fotografischen Vorlagen orientiert sie ihre Aufmerksamkeit an klassischen Kompositionsprinzipien wie dem Goldenen Schnitt oder der Symmetrie – Kompositionsprinzipien, die auf Klarheit und Harmonisierung zielen. Streng konzipiert verspannt sie die einzelnen Elemente im Bildgeviert. Als Resultat ergeben sich flächenorientierte wie raumgreifende Kompositionen; solche, die einzelne Motive fokussieren, ebenso wie Bilder, die das Neben-, Vor- und Hintereinander geometrischer Formen und Farbflächen zum Grundthema haben. Dabei lotet Christine Falk das weite Spektrum malerischer Möglichkeiten aus: Streng begrenzte monochrome Bildpartien mit glattem Farbauftrag werden von malerisch aufgelösten Passagen und Farbverläufen konterkariert; harmonisierende und disharmonische Kontraste generieren Spannungsverhältnisse. Christine Falks Arbeit wäre jedoch mit einer malerischen Umsetzung von Reiseeindrücken noch nicht hinlänglich beschrieben. Denn die visuellen Erfahrungen im Fremden haben sich grundsätzlich auf Ihre Wahrnehmung niedergeschlagen und beeinflussen auch die Sicht auf das Nahe. Dies spiegelt sich in Arbeiten wie Sommer in Kassel oder in der Serie Berlin Weißensee. Das Fremde und das Eigene, die im europäischen Kontext ungewöhnlichen Farb- wie Lichtverhältnisse und der europäische Blick verschmelzen in den Arbeiten Christine Falks zu einer gleichermaßen spannungsvollen wie auf visuelle Harmonisierung zielenden Malerei. Nicht das Verborgene, Unklare oder Geheimnisvolle jenseits des Visuellen fasziniert Christine Falk, sondern das Sichtbare selbst. Aus visuellen Fundstücken kondensiert sie über die formale Reduktion diejenigen Momente, die ihr wichtig sind: Licht und Farbe. Das Einfache, nicht das Überbordende, sei für sie entscheidend, sagt die Künstlerin. Das Auge solle sich angesichts der so geschaffenen Klarheit ausruhen. Christine Falks künstlerische Reflexion ihrer retinal wie mental aufgenommenen und fotografisch festgehaltenen Bilder erweist sich so als eine Recherche im Rahmen des Kontemplativen.
Claudia Beelitz, 2010